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Lippoldsberger Tiefenblüte

Verfasst von Hans-Joachim Bannier am 11 Juli 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
Lippoldsberger Tiefenblüte (Studiofoto)
Gefährungsgrad
gefährdet
Regionalsorte
ja
Synonyme
Tiefblüte, Hohlblümchen (Oberweser), Streifchen (Oberweser), Jakobsapfel
Herkunft
Über die genaue Herkunft dieser Sorte ist nichts bekannt, es dürfte sich aber um eine sehr alte Sorte handeln, die in Nordhessen entlang der Oberweser einst zu den häufigsten Sorten im Streuobst zählte. Dort sind die Früchte älteren Menschen noch unter dem Namen Tiefenblüte oder anderen Bezeichnungen („Hohlblümchen“, „Jakobsapfel“, "Streifchen") bekannt.

Die hier beschriebene Tiefenblüte ist nicht identisch mit der in der Literatur beschriebenen Sorte Westfälische Tiefblüte, auch wenn sie von Seiten einzelner nordhessischer Baumschulen vereinzelt auch (fälschlich) als „Westfälische Tiefblüte“ verkauft worden ist.

Erstaunlicherweise ist die Sorte – trotz ihrer weiten Verbreitung – in der zahlreichen Obstsorten-Literatur vergangener Zeiten nirgendwo beschrieben. Einzig in einer Veröffentlichung von Prof. E. Kemmer („Sortenstand und Sortenbewegung im deutschen Obstbau“, TU Berlin, 2. Auflage 1952) ist tabellarisch vermerkt, dass eine Apfelsorte namens Tiefenblüte von der Landwirtschaftskammer 1932 und 1951 für das Gebiet Kurhessen (in etwa dem heutigen Regierungsbezirk Kassel entsprechend) empfohlen worden ist. Dabei dürfte es sich um die hier beschriebene Tiefenblüte handeln.

Wie die Analysen genetischer Fingerprints heute zeigen, ist die Lippoldsberger Tiefenblüte eine Tochtersorte des Edelborsdorfers - jener im 13. Jh. von Gärtnern des Klosters Porta (Thüringen) gezogenen Apfelsorte, die als älteste deutsche Apfelsorte angesehen wird.
Verbreitung
Die Lippoldsberger Tiefenblüte ist im östlichsten Teil Westfalens, dem Warburger Land und dem Landkreis Höxter, im Streuobst ebenso weit verbreitet wie auf der südniedersächsischen Seite der Oberweser im Landkreis Göttingen sowie in Nordhessen in einem Gebiet, das von Korbach im Westen bis nach Eschwege im Osten reicht und in etwa dem Regierungsbezirk Kassel entspricht. Gelegentlich sind Bäume – auch außerhalb dieses regional umgrenzten Gebiets – in Hessen, Niedersachsen und den nordwestlichen Landkreisen Thüringens anzutreffen.

Für ihre große Verbreitung sorgten vor allem die (einst vier) Baumschulen im nordhessischen Lippoldsberg (Oberweser), von denen heute nur noch die Baumschule Spieß existiert. In früheren Zeiten fuhren die Lippoldsberger Baumschulen im Winter mit ihren LKW's durch das gesamte Umland und verkauften Obstbäume in den Dörfern spontan ab LKW. Aufgrund des großen Anteils, den sie an der Verbreitung der Sorte hatten, macht es Sinn, die Sorte - in Abgrenzung zur Westfälischen oder zur Naumburger Tiefblüte - unter dem Namen Lippoldsberger Tiefenblüte zu führen.
Frucht
Frucht mittelgroß, breit kegelförmig, stielbauchig, seltener hochgebaut; im Querschnitt rundkantig, rundkantig, unregelmäßig kantig; fest, wenig druckempfindlich. Schale glatt, im Stielbereich hell bereift, mattglänzend, trocken, nach Lagerung allmählich etwas wachsig, teils etwas fettig, polierbar glänzend; mitteldick, hart, beim Verzehr etwas störend.

Grundfarbe flaschengrün, dunkelgrün, erst auf dem Lager aufhellend, in der Reife grünlich gelb. Deckfarbe dunkelrot, weinrot, marmoriert, verwaschen streifig, bei starker Ausprägung flächig, auf 1/3 bis 4/5 der Frucht, stielseitig bläulich weißlich bereift, in der Stielgrube mit Lufteinschlüssen unter der Schale.

Stielgrube variabel, mittelweit, auch eng, mitteltief; meist gering berostet, manchmal auch stärker, fein oder schuppig. Stiel kurz, variabel auch mittellang, mitteldick, meist nicht aus der Stielgrube ragend.

Kelchgrube weit, mitteltief bis tief. Seiten mittelsteil abfallend, öfters mit feinen Graten oder Kanten. Kelchumgebung etwas wulstig, unregelmäßig, ohne Berostungen. Kelch mittelgroß bis groß, die Kelchgrube meist ausfüllend, offen oder halboffen, seltener geschlossen. Blättchen am Grunde breit, teils graugrünlich befilzt.

Kelchhöhle breit dreieckig oder trichterförmig, Staubfäden etwas unter der Mitte verwachsen. Kernhaus mittelgroß, Achse meist geschlossen, ‚Core-Line’ eng bis mittelweit ums Kernhaus. Kernhauswände meist bogenförmig, teils breit ohrenförmig, meist glänzend, mit einzelnen feinen Rissen (Risse gelegentlich verpilzt). Kerne meist nicht zahlreich, frisch mittelbraun, stumpf, grau trocknend, mittelgroß, etwas variabel, ca. 8,5 bis 9 mm lang, ca. 4,5 bis 5,5 mm breit.

Fruchtfleisch grünlich weiß, später grünlich-gelblich weiß, lange fest bleibend, mittelfeinzellig bis etwas grobzellig, genügend saftig, süßsäuerlich, schwach aromatisch, nach Anschnitt mäßig bräunend.
Baum
Die Lippoldsberger Tiefenblüte ist eine typische Streuobstsorte für Obstwiesen- und Wegepflanzungen. Sie bildet große, aufrecht wachsende, mitteldicht verzweigte Kronen.
In der Jugend wächst die Sorte stark, mit schräg bis steil winkelnden Seitenästen, die auf Schnittmaßnahmen mit guter Verzweigung reagieren. Der Baum kommt mittelfrüh in den Ertrag und trägt reich und relativ regelmäßig.
Die Lippoldsberger Tiefenblüte ist robust gegenüber Mehltau und relativ tolerant auch gegenüber Apfelschorf. Nur auf schlecht durchlüfteten Standorten tritt vereinzelt Schorf auf. Auf sehr schweren Böden kann auch Obstbaumkrebs auftreten, was aber die Vitalität und das starke Wachstum der Sorte kaum zu beeinträchtigen scheint.

Austrieb und Blüte der Tiefenblüte im Frühjahr zeitigen mittelspät. Ihre Eignung als Befruchter für andere Sorten ist nicht bekannt. Das Laub ist mittelgroß, oval, dunkelgrün, fast bläulich grün.

Foto Baum im Winterzustand (s. unten): Ralf Hennemann
Verwechsler
Je nach Ausfärbung der Früchte ggf. Weißer Matapfel, Brauner Matapfel und Gestreifter Matapfel. Evt. auch Roter Berlepsch (i.d.R. kleinere Früchte), Rheinischer Winterrambur (i.d.R. größere Früchte).
Anbaueignung
Alles in allem ist die Lippoldsberger Tiefenblüte eine robuste und für die meisten Standorte geeignete Sorte für den extensiven Streuobstanbau, die vor allem als Wirtschafts- und Mostapfel genutzt, in ihrer Heimatregion entlang der Oberweser von manchen aber auch als Tafelapfel für den Spätwinter geschätzt wird. Aufgrund ihres aufrechten Wuchses kommt sie auch für Wegepflanzungen in Betracht.
Fruchtfotos
Lippoldsberger Tiefenblüte (geschnittene Frucht)
Lippoldsberger Tiefenblüte (geschnittene Frucht)
Lippoldsberger Tiefenblüte
Lippoldsberger Tiefenblüte
Lippoldsberger Tiefenblüte
Baum im Laub
Lippoldsberger Tiefenblüte (Baum)
Jungbaum
Lippoldsberger Tiefenblüte (Foto: Ralf Hennemann)
Literatur
Kemmer, E. (1952): Sortenstand und Sortenbewegung im deutschen Obstbau. Hrsg. TU Berlin, 2. Auflage 1952
Bannier et al. (2008): Alte Obstsorten - für Südniedersachsen neu entdeckt. Hrsg. Landschaftspflegeverband Landkreis Göttingen e.V.
Kahl, Steffen (2020): Hessische Lokalsorte 2020 - Lippoldsberger Tiefenblüte (Faltblatt). Hrsg. Pomologen-Verein e.V. (Landesgruppe Hessen)

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