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Schöner aus Wiedenbrück

Verfasst von Hans-Joachim Bannier am 8 Juli 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
Schöner aus Wiedenbrück
Gefährungsgrad
stark gefährdet
Regionalsorte
ja
Reifezeit
Pflückreife etwa Mitte September. Aufgrund ihrer leichten Druckanfälligkeit sollten die Früchte vorsichtig gepflückt werden. Genussreife bis ca. Mitte Oktober.
Herkunft
Anders als bei vielen anderen lokalen und regionalen Sorten ist die Herkunft des Schönen aus Wiedenbrück gut dokumentiert. In der Gartenbauzeitschrift „Erfurter Führer“ erschien 1918 eine Huldigung der Sorte, in der auch auf ihre Entstehung beschrieben wird:

Die Sorte soll schon vor 1900 von einem Gärtner des Rheda’schen Schlosses, „der sich aus Liebhaberei mit der Aussaat von Obstkernen befasste“, aus Samen gezogen worden sein. Dieser habe jedoch „die Bedeutung seines Sämlings, des Schönen von Wiedenbrück, nicht erkannt, da ja bekanntlich auch mit der Beurteilung einer neuen Sorte viele Jahre dahin gehen“. Erst 1904 habe „der Gärtner H. Dürbusch in Wiedenbrück diese Apfel-Neuheit erkannt und daraufhin für sich selbst ungefähr 8 Morgen nur mit dieser Sorte als Hochstämme angebaut und lässt jetzt weitere Flächen damit bepflanzen“. Diesem Beispiel folgten „dort und in der Umgebung eine weitere Anzahl bedeutender Obstzüchter“.

1913 wurde der Schöne aus Wiedenbrück auf der Provinzial-Obstausstellung für Westfalen und Lippe als beste Lokalsorte aus 36 Sorten gekürt. Außer ihrer Huldigung im 'Erfurter Führer' findet die Sorte In der Obstsorten-Literatur des 20. Jahrhunderts jedoch fast keine Erwähnung. Immerhin hielt der bayerische „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner den Schönen aus Wiedenbrück zeichnerisch fest – als Nr.311 seiner bekannten Apfelzeichnungen.
Verbreitung
Der Schöne aus Wiedenbrück gehört auf den Obstwiesen Westfalens zu einer der häufigsten Sorten überhaupt. Nicht nur in Wiedenbrück selbst, wo noch eine über 100jährige Obstwiese mit zahlreichen Bäumen dieser Sorte erhalten ist, sondern auch in der Westfälischen Bucht zwischen Dortmund und Bielefeld, im östlichen Westfalen und Lippe, im Münsterland und der Soester Börde, bis hinauf in die Höhenlagen des Sauerlandes, ist die Sorte regelmäßig auf den Obstwiesen zu finden. Gelegentlich kommt sie auch in den angrenzenden Regionen (Rheinland, Nordhessen, Südniedersachsen) noch vor.

In einer Liste der Obstsortimente der Landwirtschaftskammer der Provinz Westfalen von 1926 war der Schöne aus Wiedenbrück für den Straßenobstbau für die Kreise Bielefeld, Halle, Herford, Lübbecke, Minden und Wiedenbrück sowie das Land Lippe empfohlen worden.

Der Schöne aus Wiedenbrück ist auch heute noch in einzelnen Obstbaumschulen der Region als Baum erhältlich. Reiser sind im Reisermuttergarten Bonn der ORG GmbH erhältlich.
Frucht
Frucht mittelgroß bis groß, hochgebaut, kastenförmig, „rechteckig“, stiel- und kelchseitig breit abgeplattet. Im Querschnitt variabel rundlich oder abgerundet kantig; mittelfest, etwas druckanfällig, muss sorgfältig gepflückt werden. Die Schale ist trocken, baumfrisch matt, stumpf, ohne Glanz (nur bei starker Deckfarbe teils auch mattglänzend, nach Lagerung glänzend).

Grundfarbe grasig grün bis gelblich grün, in der Reife trüb grünlich gelb, oliv gelb. Deckfarbe trüb orangerot bis bräunlich rot, punktiert, marmoriert, fein gestreift. In Bezug auf die Färbung ist der Schöne aus Wiedenbrück extrem wandelbar, stark abhängig von Standort, Boden, Witterungsverlauf und Pflegezustand des Baumes. Grasgrüne Früchte sind ebenso möglich wie fast vollständig rotfarbige Früchte.
Ebenfalls stark standort- und witterungsabhängig können die Früchte mehr oder minder starke Berostungen auf den Fruchtseiten zeigen, was eine Identifizierung der Sorte oftmals erschwert. Schalenpunkte meist berostet, variabel in der Größe, oft auffallend.

Stielgrube eng bis mittelweit, flach bis mitteltief, manchmal mit Fleischwulst, Seiten mit mehr oder weniger starken Berostungen, variabel fein graubräunlich klecksartiog berostet (Grund- und Deckfarbe durchscheinend) oder öfters auch grob schuppig, gerissen berostet. Stiel variabel, mittellang oder kurz, mitteldick (oder dick), knapp aus der Stielgrube ragend, seltener auch sehr kurz, knopfartig verdickt.

Kelchgrube mittelweit, mitteltief. Seiten steil oder mittelsteil, oft faltig (variabel auch ebenmäßig). Kelchumgebung oft wulstig uneben (variabel auch ebenmäßig). Kelch groß, meist halboffen (variabel auch offen oder geschlossen). Blättchen am Grunde breit, graugrünlich befilzt, mittellang, teils lang zugespitzt.

Kelchhöhle breit trichterförmig. Stempel teils verkümmert, Staubfäden tiefständig verwachsen. Kernhaus mittelgroß, Kernhauswände extrem schmal, sichelförmig, gerissen (wichtiges Erkennungsmerkmal der Sorte!), Risse teils etwas verpilzt. ‚Core-Line’ eng ums Kernhaus, Achse meist schmal, geschlossen. Kerne nicht zahlreich, mittelgroß, unregelmäßig in Form und Größe, oval rundlich oder auch länglich gespitzt, dunkel- oder mittelbraun.

Fruchtfleisch baumfrisch gelblich weiß oder grünlich gelblich weiß, mittel saftig, aromatisch süßsäuerlich, etwas grobzellig, mittelfest, bald mürbe werdend.
Baum
Der Baum des Schönen aus Wiedenbrück ist starkwüchsig, mit schräg oder flacher winkelnden Seitenästen. Er bildet große, mitteldicht verzweigte, pyramidale oder hochkugelige Krone. Er ist sehr robust gegenüber Schorf und Mehltau. Auf sehr schweren oder staunassen Böden kann jedoch Obstbaumkrebs auftreten. Sein gutes Gedeihen in den Hang- und Höhenlagen des Sauerlandes belegt, dass die Sorte auch sehr gut für Höhenlagen geeignet ist.

Während sich der Anbau in Höhenlagen auch vorteilhaft auf die Haltbarkeit der Früchte auswirkt, wurde auf den sehr schweren, nährstoffreichen Böden der Soester Börde dagegen davon berichtet, dass die Früchte des Schönen aus Wiedenbrück anfällig für Stippe seien.
Der Baum kommt trotz seiner Starkwüchsigkeit in der Jugend früh in den Ertrag und trägt reich und regelmäßig. Die Blüte im Frühjahr zeitigt spät – gemeinsam mit Rote Sternrenette, Rheinischem Winterrambur oder Westfälischem Gülderling – und entgeht dadurch meist den Spätfrösten. Als triploide Sorte ist der Schöne aus Wiedenbrück kein guter Befruchter. Das Laub ist mittelgroß bis groß und dunkel bis bläulich grün.

Apfelbaum-Winterfoto: Foto Claudia Schluckebier
Verwechsler
Aufgrund der starken Variabilität der Früchte des Schönen aus Wiedenbrück sind Verwechslungen zu sehr unterschiedlichen Sorten möglich, v.a. Doppelter Prinzenapfel, Lohrer Rambur, Goldparmäne, Hildesheimer Goldrenette, Finkenwerder Prinzenapfel, Prägnantes Erkennungsmerkmal des Schönen aus Wiedenbrück sind die extrem schmalen, sichelförmigen Samenfächer (siehe Foto der geschnittenen Frucht).
Anbaueignung
Unter Beachtung der richtigen Bodenverhältnisse ist der Schöne aus Wiedenbrück eine robuste und reichtragende Apfelsorte für den Streuobstanbau, besonders für Höhenlagen zu empfehlen. Auf sehr schweren Böden kann Obstbaumkrebs und Stippe auftreten. Die vom Baum weg aromatischen Früchte wurden früher in erster Linie als Tafelapfel für den Frischverzehr angeboten. Aufgrund ihrer begrenzten Haltbarkeit werden sie heute von ihren Besitzern in erster Linie als Mostapfel zur Verarbeitung genutzt. Mit ihrem ausgewogenen Zucker-Säure-Verhältnis und ihrer Fruchtfleischkonsistenz sorgen sie für einen qualitativ hochwertigen Saft mit hohem Trubanteil.
Fruchtfotos
Schöner aus Wiedenbrück (Studiofoto)
Schöner aus Wiedenbrück (geschnittene Frucht)
Schöner aus Wiedenbrück
Schöner aus Wiedenbrück
Baum im Laub
Schöner aus Wiedenbrück (Baum)
Baum in Blüte/Winter
Schöner aus Wiedenbrück (Baum - Foto Claudia Schluckebier)
Literatur
A. Abendroth (1918): Apfel 'Schöner aus Wiedenbrück', ein wertvoller Massenträger. In: Erfurter Führer, Nr.47 / 1918
Möhring (1942): Ueber die Bedeutung der einheimischen Obstsorten für den Neuaufbau des deutschen Obstbaues. In: Rhein. Monatsschrift für Obst-, Garten- und Gemüsebau, Heft 12, 35. Jg., Dezember 1942
Schwiegershausen, Dr. K. (1951): Das Kern- und Steinobstsortiment im Krise Lippstadt. In: Heimatblätter, Heimatbund, 32 Jg., 1951, S. 30-32
Gehrke, Heinz (1951): Die „Ampener Knorpelkirsche“ und andere anbauwerte Obstsorten für unser Kreisgebiet. In: Heimatkalender des Kreises Soest 1951, S. 94-97
Schwiegershausen, K. (1954): Das Hochstammsortiment im Kreise Lippstadt. In: Deutsche Gartenbauwirtschaft 2, 1954, S. 94-96
Dorner (1953): Ein Stück Geschichte des deutschen Obstbaues in Wiedenbrück. In: Ratgeber für Gemüse-, Obst- und Gartenbau 1953, S. 203-204
Veröffentlichungen der Landwirtschaftskammer für die Provinz Westfalen (1926), Heft 30: 7 Vorträge gehalten auf d. 4. u. 5. Vortragslehrgang am 4.2. in Bielefeld und am 10.2. in Unna. Im Anhang: Obstsortimente für d. landw. Hauptvereine Westfalen u. Lippe
Bannier, H.J. 2022: Alte Obstsorten - neu entdeckt für Westfalen und Lippe. Hrsg. Stiftung f. d. Natur Ravensberg, Kirchlengern. 4. Aufl. 2022, S. 37

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