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Großer Borsdorfer aus Udorf

Verfasst von Hans-Joachim Bannier am 15 Juli 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
Großer Borsdorfer aus Udorf
Gefährungsgrad
vom Aussterben bedroht
Reifezeit
Pflückreife ca. Mitte Oktober. In einem guten Naturlager sind die Früchte von November bis etwa Januar genussreif. In erster Linie sind sie als Wirtschaftsapfel verwendbar – für die häusliche Verarbeitung zu Kuchen, Mus oder Kompott.
Herkunft
Mehrere sehr alte Bäume dieser Sorte wurden in den 2010er Jahren noch auf einer Obstwiese in dem Ort Udorf (bei Marsberg, Hochsauerlandkreis) entdeckt, weitere Bäume der Sorte auch an dem ca. 40 km entfernten Kloster Glindfeld in der Medebacher Bucht an der Landesgrenze von Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Die Obstwiese in Udorf diente vor dem 1. Weltkrieg als „Lehrwiese“. Die Dorfschullehrer der umliegenden Dörfer wurden nach Udorf bestellt, um dort Obstbaumkunde und Sortenkenntnis zu erlernen. Auf der Wiese fanden sich aktuell noch zahlreiche Apfel- und Birnbäume, die offensichtlich noch aus der Zeit vor (oder um) 1900 stammen und deren Sortennamen sich pomologisch ad hoc nicht mehr ermitteln ließen.

In unmittelbarer Nachbarschaft Udorfs befindet sich das Schloss Canstein. Hier residierte um 1800 Franz Wilhelm von Spiegel zum Desenberg (1752-1815). Aus dem Nachlass dieses adeligen Gartenliebhabers und Pomologen existiert im Staatsarchiv Münster ein umfangreiches Konvolut an Briefkorrespondenz, die dieser zwischen 1792 und 1806 mit dem bekannten Pomologen Johann Ludwig Christ aus Kronberg im Taunus unterhielt.

Von Johann Ludwig Christ erhielt der adelige Gartenliebhaber und Pomologe ebenso Reiser oder Bäume der damals aktuellen Obstsorten wie von einem Züchter G.A. Schmoll und anderen Pomologen. Bei Schloss Canstein entstanden nicht nur Obstplantagen, sondern auch eine kleine Baumschule, deren Bäume in die umliegenden Ortschaften verkauft wurden. Im Staatsarchiv Münster ist noch ein Katalog des Cansteiner Gärtners Besler von 1810 erhalten, in dem dieser einen Bestand von 519 Jungbäumen ca. 30 verschiedener Apfel- und Birnensorten auflistet.

Aufgrund der unmittelbaren Nähe Udorfs zu dem damaligen pomologischen Zentrum Canstein dürften die Cansteiner Obstsorten auch nach Udorf gelangt sein, um so mehr, als diese Obstwiese damals eine besondere Bedeutung für die Ausbildung hatte.

Der Katalog der Cansteiner Baumschule enthält unter anderem einen „Borsdorfer“ und einen „Großen Borsdorfer“. Die hier in Udorf auf mehreren Bäumen angetroffene Sorte entspricht hinsichtlich ihres Aussehens und ihrer Fruchtgröße genau dem, was man bei einer Sorte, die „Großer Borsdorfer“ genannt wird, erwarten kann. Insofern erscheint es wahrscheinlich, dass es sich bei der hier vorgestellten Sorte um den Großen Borsdorfer des Katalogs der Schlossbaumschule Canstein von 1810 handelt.

Über den Ursprung bzw. die historische Identität der im Cansteiner Katalog genannten Sorte herrscht ansonsten Unklarheit. Mayer (Pomologia franconica, 1776-1801) nennt einen „Doppelten Borsdorfer“ mit dem Synonym „Zipollenapfel“, welcher seinerseits von anderen Autoren als Synonym des „Zwiebelborsdorfer“ genannt wird. Der Pomologe Zinck nennt 1766 wiederum einen „Doppelten Zwiebelborsdorfer“. Vom Kronberger Pomologen Christ, der mit Schloss Canstein in Verbindung stand, wird dieser wiederum als „Doppelter Zwiebelapfel“ bezeichnet. Der Pomologe Oberdieck dagegen meinte, Christ’s Doppelter Zwiebelapfel sei „nichts anderes als ein schöner, vollkommener Zwiebel-Borsdorfer“ (Illustrirtes Handbuch der Obstkunde, 1875). Ob die Pomologen früherer Zeit hier immer dieselbe Sorte oder evt. mehrere Sorten beschrieben haben, ist aus heutiger Sicht nicht mehr ohne Weiteres nachvollziehbar.

Ob es sich bei dem hier beschriebenen Großen Borsdorfer um eine nur lokal verbreitete Varietät handelt oder um eine auch überregional vorkommende Sorte, müsste noch zu klären sein. Hier wäre ein molekulargenetischer Vergleich mit Fruchtproben interessant, die der Autor dieser Zeilen in vergangenen Jahren aus Bad Gandersheim (Niedersachsen) und Aschaffenburg (Hessen) erhalten hat. In jedem Fall handelt es sich aber um eine äußerst selten anzutreffende Sorte aus der Familie der Borsdorfer, jenes „Urgesteins“ deutscher Apfelsorten.
Verbreitung
Bislang wurden Altbäume dieser Sorte nur im Hochsauerlandkreis zwischen Marsberg im Norden und der Medebacher Bucht im Süden angetroffen. Aufgrund des Umstandes, dass die Reiser dieser Sorte vermutlich noch auf den Pomologen Christ (Kronberg im Taunus) zurückgehen, könnte es sich jedoch um eine einst überregional gehandelte Sorte handeln.
Frucht
Frucht mittelgroß, breitrund, mittelbauchig, stiel- und kelchseitig abgeflacht; im Querschnitt rund, wie gedrechselt, fest, nach längerer Lagerung etwas druckempfindlich. Schale glatt, mattglänzend bis glänzend, nach Lagerung trocken, teils schwach wachsig; mitteldick, beim Verzehr etwas störend.

Grundfarbe weißlich grün, reif weißlich gelb. Deckfarbe (sofern vorhanden) sonnenseitig orange rötlich (bis purpurrötlich) gehaucht, auf einem Zehntel bis zu einem Sechstel der Frucht, öfters auch ganz fehlend oder nur als gerötete Schalenpunkte. Teile der Frucht auch oliv- oder hellbraun berostet (Berostung teils schuppig). Schalenpunkte groß, sternchenartig berostet, auf der Grundfarbe auffallend, auf Deckfarbe nicht sichtbar.

Stielgrube mitteltief, mittelweit oder weit, Seiten mittelsteil, ebenmäßig, meist vollständig berostet. Berostung hell- oder bronzebraun, fein oder auch schuppig, öfters auch weit auslaufend (teils bis zur Fruchtmitte), hellbraun. Stiel kurz, mitteldick nur knapp aus der Stielgrube ragend, braun.

Kelchgrube weit, mitteltief bis tief, schüsselförmig, öfters mit Berostungen oder kreisförmiger Strichelung. Seiten flach bis mittelsteil abfallend, Umgebung ebenmäßig oder flach wulstig. Kelch groß, weit offen oder offen. Blättchen am Grund abständig, teils grünlich, kurz bis mittellang (oft abgebrochen).

Kelchhöhle relativ groß, trichterförmig, wappenschildförmig oder dreieckig, Stempel mitteldick oder dünn, nicht bewollt, schwarz. Staubfäden abgebrochen, rudimentär, etwas unter der Mitte verwachsen. Kernhaus eher klein; Achse geöffnet, zu den Samenfächern fast geschlossen (wattierter Hohlraum). ‚Core-Line’ eng ums Kernhaus. Kernhauswände ohrenförmig, glänzend, ungerissen oder auch mit einzelnen Rissen. Kerne gut entwickelt, frisch dunkelbraun bis schwarzbraun, mittelgroß, teils breit eiförmig (unten kurz/stumpf gespitzt), ca. 8:5,5 mm, bei mehreren Kernen pro Samenfach (wie bei Kastanien) auch dreieckig-facettiert, schmal (8:4 mm).

Fruchtfleisch (grünlich-) gelblich weiß, fest, mittelfein- bis grobzellig, baumreif saftig, später mäßig saftig, süßsäuerlich, nach Anschnitt mäßig verbräunend.

Baum
Die in Udorf angetroffenen Bäume des Großen Borsdorfer sind von starkem Wuchs, sehr langlebig und auch in ihrem hohen Alter noch regenerationsfähig. Die Sorte bildet große, teils dicht verzweigte Kronen mit gesunder Belaubung.

Der Große Borsdorfer ist robust gegenüber den wichtigsten Obstkrankheiten Schorf, Krebs und Mehltau, daher wahrscheinlich breit anbaufähig bezüglich des Standorts.

Austrieb und Blüte im Frühjahr zeitigen mittelspät. Als diploide Sorte ist sie ein guter Befruchter für andere Sorten. Das Laub ist mittelgroß und von mittlerem Grün.


Baumfotos: Claudia Schluckebier (Marsberg)
Verwechsler
Angelner Borsdorfer, Edelborsdorfer, Ravensberger, Weilburger, Oberdiecks Renette, Englische Spitalrenette.
Anbaueignung
Alles in allem ist der Große Borsdorfer eine sehr robuste Wirtschaftssorte für den extensiven Streuobstanbau, deren vitalen Bäume ein hohes Alter erreichen können und die zur Bewahrung genetischer Vielfalt in jedem Fall erhalten werden sollte.
Fruchtfotos
Großer Borsdorfer aus Udorf
Großer Borsdorfer aus Udorf
Großer Borsdorfer aus Udorf
Großer Borsdorfer aus Udorf
Baum im Laub
Großer Borsdorfer aus Udorf
Baum in Blüte/Winter
Großer Borsdorfer aus Udorf
Literatur
Linnemeier, Bernd-Wilhelm (2004): Frühneuzeitlicher Obstbau im Wesergebiet im Spannungsfeld von ländlicher Ökonomie, adligem Zeitvertreib und obrigkeitlichem Dirigismus“, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 49, 2004
Freiherr von Elverfeldt, A.F. (2000): Canstein im kurkölnischen Sauerland. Geschichte und Geschichten (Marsberg und Norderstedt, 2000)

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