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Bolierapfel

Verfasst von Richard Dahlem am 11 Februar 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
ID: 859
Gefährungsgrad
stark gefährdet
Regionalsorte
ja
Synonyme
Mastapfel, Mostapfel, Weinapfel, Weißapfel (in Rheinhesssen), Wesserlinger (im Elsass), Wieslocher, Wieslocher Weinapfel.

Bolierapfel, Polierapfel
Diese Synonyme gelten für eine mehr gerötete 'Abart' des Schaffelder, der seinerzeit vor allem im Eppinger Bezirk vorgekommen sein soll (Großh. Obstbauschule in Karlsruhe 1898).
Reifezeit
Pflückreif Anfang Oktober, Genussreif bis etwa Januar.
Herkunft
Die genaue Herkunft des 'Schaffelder' ist nicht bekannt. Er taucht seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bis etwa zum 2. Weltkrieg regelmäßig in Empfehlungslisten für den badischen Obstbau auf. Auch Goethe et al (1890) berichten, dass der Schaffelder in Baden häufig angebaut wird. In der Pomologie 'Die Kernobstsorten Badens' (Großh, Obstbauschule in Karlsruhe 1898) gehört der Schaffelder zu den 20 häufigsten Sorten in Baden. Von daher verwundert es, daß der Schaffelder offensichtlich keinen Eingang in ein größeres pomologisches Werk gefunden hat. In diesem Werk findet sich eine etwas ausführlichere Beschreibung der Sorte. Die dortige Beschreibung sowie die hier dargestellten Früchte passen sehr gut zusammen. Leider ist die Schnittzeichnung sehr einfach und zeigt nicht die typische und markante Kelchröhre.



Verbreitung
Um 1900 war die Sorte unter ihrem Namen 'Schaffelder' hauptsächlich in Nordbaden, vor allem im Heidelberger und Wieslocher Gebiet sowie im Breisgau verbreitet und gehörte in dieser Zeit zu den 20 häufigsten Apfelsorten Badens (Großh, Obstbauschule in Karlsruhe 1898). Auch im Elsass war die Sorte als 'Wesserlinger' in größerem Umfang im Anbau (Goethe et al. 1890).

Für den Eppinger Bezirk wurde eine etwas mehr gerötete Variante des Schaffelder, der Bolier- oder Polierapfel erwähnt (Großh, Obstbauschule in Karlsruhe 1898). Ob dies eine Mutante des Schaffelder oder doch eine eigene Sorte darstellt. ist dem Autor nicht bekannt.

Auch etwas weiter rheinabwärts in Rheinhessen wurde die Sorte unter dem Synonym 'Weißapfel' angebaut und hatte ihre größten Vorkommen im Raum Bingen (Goethe et al. 1890). Ein paar Jahre später wurde der 'Weisapfel' in einer Pomologie für Rheinhessen beschrieben (Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Rheinhessen 1907). Auch wenn bei dieser Beschreibung eine Schnittzeichnung fehlt und in der Beschreibung nicht auf die charaktereistische Kelchröhre hingewiesen wird, ist die Beschreibung mit den hier beschriebenen Früchten plausibel. In dieser Beschreibung heißt es, sie sei auch unter dem Namen 'Schaffelder' bekannt, ohne auf das Hauptverbreitungsgebiet Baden und Elsass hinzuweisen.

Der Weissapfel galt bis zum Jahr 2015 für Rheinhessen als verschollen. Ein Aufruf des Autors in einen Landwirtschaftszeitung Anfang der 2000er Jahre blieb ohne greifbares Ergebnis. Mehr Erfolg hatt ein Zeitungsaufruf der Naturschutzgruppe Ingelheim, initiiert durch Jörg Schmidt (Schmidt 2016). Unabhängig voneinander gab es zwei Meldungen, eine mit zwei Bäumen in Ingelheim und ein Baum in Alzey. Die Bäume wurden 2015 beprobt, waren pomologisch identisch und entsprachen der Beschreibung von 1907 weitgehend, auch was die Baummerkmale betraf. Ein Jahr später wurde ein weiterer, unbenannter Baum des Weißapfel in Gau-Algesheim gefunden. Sehr bemerkenswert ist, daß die beiden Ingelheimer Bäume vom Großvater des 87 Jahre alten Mitbürgers, der sie gemeldet hat, in den 1870er Jahren gepflanzt wurden (Schmidt 2016) und uns bis heute mit guter Gesundheit und einem regelmäßigen und hohen Ertrag erfreuen.

Erst vor kurzer Zeit konnte eine Verbindung zwischen dem Weißapfel und dem Schaffelder hergestellt werden. Darüber hat Jan Paaz (2024) recherchiert und die Ergebnisse in einem Vortrag bei der Naturschutzgruppe Ingelheim dargelegt. Ein pomologischer Vergleich mit Früchten des Schaffelder aus der Heidelberger Region war positiv. Jörg Schmidt von der Naturschutzgruppe Ingelheim hat Reiser von dieser Herkunft veredelt, so dass demnächst ein pomologischer Vergleich der Akzessionen 'Schaffelder' und 'Weisapfel' möglich sein wird und hoffentlich letzte Zweifel an der Identität beseitigt werden kann.
Frucht
Die Früchte sind mittel bis groß, in der Form sehr variabel, in etwa so hoch wie breit und sehr kantig. Ein Ramburtyp.

Die Grundfarbe ist ein helles gelb. Die Deckfarbe ist ein verwaschenes orangerot, welches markant von roten, abgesetzten Streifen durchsetzt ist. Bei gut besonnten Früchten nimmt die Deckfarbe etwa dreiviertel der Fruchtoberfläche ein. Gelegentlich finden sich kleinere Rostfiguren auf der Schale. Die Schalenpunkte sind grünlich, zum Teil verkorkt und insgesamt unauffällig.

Die Schale ist glatt, glänzend und mit fortschreitender Reife leicht fettig und etwas klebrig werdend. Die Druckfestigkeit ist mittel bis weich.

Die Kelchgrube ist eng bis mittelweit und von starken Falten und Rippen durchsetzt. Die Kelchumgebung ist oft stark höckrig. Der Kelch ist meistens halboffen und etwas berostet, wobei die Berostung manchmal grobschuppig ist. Die Kelchblätter sind breit, kurz und wollig-filzig behaart.

Die Stielgrube ist mittelweit bis eng und mitteltief bis tief und hat manchmal einen größeren Fleischwulst. Sie ist leicht berostet bis manchmal fast unberostet. Der Rost ist olivfarben bis dunkelbraun und oft grobschuppig. Der Stiel ist meist kurz, selten mittelang und variiert zwischen mitteldick bis fleischig verdickt. Die Stiele sind oft gekrümmt.

Die Kelchhöhle ist dreieckig und setzt sich in eine breite und meistens bis zum Kernhaus reichende Kelchröhre fort. Das Kernhaus ist groß und geräumig und zeigt lang ohrenförmige und glänzende Kernhauswände. Diese sind etwas gerissen, aber nicht wattig ausgeblüht. Die Achsenhöhle ist offen, manchmal auch weit offen. Die Kerne sind meist taub. Je Frucht findet sich im Schnitt nur etwa ein vollausgebildeter Kern. Dieser ist in der Form etwas streuend, eher schmal und zugespitzt. Die Maße schwanken zwischen 8/9 : 4/5 mm.

Das Fruchtfleisch ist weißlich gelb. Es ist locker, mäßig saftig und feinzellig. Der Geschmack ist der eines guten Wirtschaftsapfel mit ausgewogenem Zucker-Säure-Verhältnis und geringaromatisch.

Besondere Merkmale:
- Frucht kantig, ramburartig,
- Schale fettig, mit fortschreitender Reife leicht klebrig,
- Kelchgrube meist eng und faltig,
- Stiel manchmal fleischig verdickt und kurz, manchmal mitteldick und mittellang,
- Kelchröhre breit und bis zum Kernhaus hinabgehend,
- Kerne wenig, in der Form streuend,
- Fruchtfleisch weich.




Baum
Der Baum ist starkwachsend, bildet eine breitkugelige Krone (Großh. Obstbauschule in Karlsruhe 1898). Der Ertrag ist regelmäßig, setzt aber spät ein (Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Rheinhessen 1907).
Verwechsler
Der Schaffelder ist eine echte pomologische Herausforderung, da er sehr variable Merkmale hat und mit einigen Sorten verwechselt werden kann.

Dülmener Herbstrosenapfel
DIeser ist früher reif, hat eine noch breitere Kelchröhre, ist feinaromatisch und zeigt zahlreiche hellbraune, weniger zugespitzte Kerne.

Geflammter Kardinal
Dieser hat eine ins rosa gehende Deckfarbe, feine weiße Schalenpunkte, keine Kelchröhre und oft wattig ausgeblühte Risse in den Kernhauswänden

Gravensteiner
Dieser ist früher reif, verströmt einen intensiven Geruch, hat keine Kelchröhre und ist hocharomatisch.

Harberts Renette
Diese hat eine regelmäßigere Fruchtform, eine weniger ausgeprägte Streifung, auffälligere Schalenpunkte, eine konstante und deutlich stärkere Berostung der Stielgrube, keine fleischig verdickten Stiele und eine nur kurze Kelchröhre.

Jakob Lebel
Dieser hat eine in fortschreitender Reife noch stärker fettende Schale, einen typisch grünen Kelch, eine konstant grobschuppig berostete Stielgrube, oft einen knopfigen Stiel und keine Kelchröhre.

Wöbers Rambur
Dieser hat eine konstant stark berostete Stielgrube, keine Kelchröhre und größere, sehr lange Kerne. oft mit anhaftendem Fruchtfleisch.

Das sicherste Merkmal zur Unterscheidung von den Verwechslersorten scheint die Kelchröhre zu sein. Dieses Merkmal erwies sich bis jetzt als stabil. Damit lässt sich die Sorte von den Verwechslern 'Geflammter Kardinal', 'Gravensteiner', 'Harberts Renette', 'Jakob Lebel' und 'Wöbers Rambur' unterscheiden. Zieht man noch Reifezeit, Geschack und Kernbild hinzu, kann der Schaffelder auch hinreichend vom 'Dülmener Herbstrosenapfel' abgegrenzt werden.
Anbaueignung
Der Schaffelder gilt als vorzüglicher Mostapfel, guter Koch- und Dörrapfel sowie mäßig guter Tafelapfel (Großh, Obstbauschule in Karlsruhe 1898). Sein starkes Wachstum, seine Langlebigkeit, seine Robustheit gegenüber Schädlingen und Krankheiten sowie seine Anspruchslosigkeit an den Standort machen ihn zu einer guten Sorte für den extensiven Streuobstbau.

Die Früchte sind druckempfindlich, weshalb die Sorte nicht in windigen Lagen gepflanzt werden sollte, da sie leicht fällt und sich hierbei stets stark verletzt. Infolge der hellen Farbe der Früchte sind Druckflecken leicht sichtbar und stark entstellend (Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Rheinhessen 1907).

Da die Früchte für viele Zwecke verwendbar sind, kann man sich der abschließenden Beurteilung in der Rheinhessischen Pomologie nur anschließen: "Die Sorte kann nur bestens empfohlen werden" (Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Rheinhessen 1907).
Fruchtfotos
IDs: 860, 861 & 862
ID: 861
ID: 862
ID: 1406
IDs: 859 & 859 bis 862
Literatur
Paaz, J. (2024): Schaffelder/Weisapfel. Unveröffentlichtes Manuskript zu einem Vortrag bei der Naturschutzgruppe Ingelheim, Dezember 2024.
Goethe, R., Degenkolb, H. & Mertens, R. (1890): Die Kernobstsorten des deutschen Obstbaues. Berlin, Druck Gebr. Unger, 160 Seiten.
Großh. Obstbauschule in Karlsruhe (1898): Die Kernobstsorten Badens. Zweite Auflage. Karlsruhe, Druck der Braun'schen Hofdruckerei. 45 Seiten.
Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Rheinhessen (Hrsg.) (1907): Der Obstbau in Wort und Bild mit besonderer Berücksichtigung der im rheinhessischen Obstsortiment empfohlenen Obstsorten. Wiesbaden, Bechtold Verlag, 142 Seiten.
Schmidt, J. (2016): Gesucht und gefunden: Birne Dr. Martin und Weissapfel. In: Jahresheft des Pomologen-Verein e. V., S. 134 - 135.
Diese Sortenbeschreibung wurde möglich durch eine Spende von:
Alancri Stiftung

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