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Ravensberger

Verfasst von Hans-Joachim Bannier am 11 Juli 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
Ravensberger
Gefährungsgrad
stark gefährdet
Regionalsorte
ja
Synonyme
Ravensberger Renette
Reifezeit
Pflückreife etwa Mitte Oktober gepflückt - wobei große Früchte teils schon eher gepflückt werden sollten, da die Sorte in der Reife zu Fruchtfall neigt.

Die vorwiegend säuerlichen Früchte sind bis Dezember/Januar lagerbar und sind in erster Linie als Wirtschaftsapfel für die Küche verwendbar. Auch zum Dörren ist die Sorte gut geeignet. In Jahren, in denen die Früchte witterungsbedingt starke Berostungen zeigen, können Lagerverluste durch Fruchtrisse eintreten.
Herkunft
Die Apfelsorte Ravensberger – auch Ravensberger Renette oder Ravensberger Apfel genannt – ist eine typische Regionalsorte des Ravensberger Landes. Sie war in Bielefeld und dem Altkreis Halle-Westfalen früher auf fast jeder Obstwiese zu finden und darüber hinaus auch in den Kreisen Gütersloh, Herford, Melle sowie im Kreis Minden-Lübbecke im Streuobst anzutreffen.

Über die genaue Herkunft der Sorte ist wenig bekannt, es gibt – wie bei vielen Lokalsorten – nur wenige schriftliche Zeugnisse. Erwähnung findet die Sorte in einem Bericht der „Deutschen Obstbauzeitung“ über eine regionale Obstausstellung in der Landwirtschaftskammer Herford im Jahr 1910. Darin wird der Ravensberger Apfel als eine „in neuerer Zeit dort viel angebaute großfrüchtige Wintersorte“ genannt (S. 386).

Unterlagen des Kommunalarchivs Herford ist zu entnehmen, dass die Sorte noch bis 1937 im Obstmuttergarten der Gartenbau-Lehranstalt der Landwirtschaftskammer in Herford stand. Und in Akten des Regierungspräsidiums zu Minden ist der Vermerk zu finden, dass im Dezember 1909 der Kreiswegewärter Weckner aus Rahden staatliche Beihilfen für die Anpflanzung von Obstbäumen beantragte, u.a. für 16 Bäume der Ravensberger Renette, desgleichen 1910 der Gastwirt Karl Brockschmidt aus Oppenwehe.

In einer „Anordnung über Preise und Preisgruppeneinteilung für Kernobst, umfassend die Gartenbauwirtschaftsverbände Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Weser-Ems“ aus dem Alten Land – aus dem Kriegsjahr 1941 – ist die Ravensberger Renette in der „Preisgruppe 4“ verzeichnet. Offenbar müssen Äpfel dieser Sorte noch bis zum zweiten Weltkrieg gehandelt und seinerzeit aus Ostwestfalen auch bis ins Alte Land exportiert worden sein.

Ansonsten findet sich in der Literatur keinerlei Hinweis auf die Sorte. Völlig unklar bleibt, ob die Namensgebung der Apfelsorte auf das Geschlecht der Ravensberger zurückgeht (das auf der Bielefelder Sparrenburg und auf der Burg Ravensberg bei Halle/Westfalen residierte) oder allgemein auf die Region des Minden-Ravensberger Landes. Anzunehmen ist, dass der Ravensberger auch vor 1900 schon in der Region angebaut worden ist.
Verbreitung
Heute ist der Ravensberger im Ravensberger Land (von Bielefeld bis Minden) nur noch sehr selten und meist nur auf sehr alten Bäumen anzutreffen. Die Biologische Station im Kreis Herford hat jedoch seit den 2000er Jahren für einige Nachpflanzungen in der Region gesorgt. Reiser der Sorte sind auch wieder im Reisermuttergarten Bonn der ORG GmbH verfügbar.
Frucht
Frucht groß, meist breitrund, mittelbauchig, ebenmäßig, im Querschnitt ziemlich rund, fest, wenig druckempfindlich, auch gelagert noch fest. Schale glatt, mattglänzend oder stumpf, bei Berostung auch rauh; nach Lagerung trocken, nicht fettend; dünn, beim Verzehr nicht störend.

Grundfarbe weißlich grün, in der Reife weißlich gelb. Deckfarbe sonnenseitig eigentümlich fahl rosa-purpurrötlich, variabel auch bräunlich-orange, gehaucht, meist von der Stielseite ausgehend (Kelchumgebung meist ohne Deckfarbe), Deckfarbe auf einem Zehntel bis zu zwei Dritteln der Frucht, bei Schattenfrüchten auch ganz fehlend. Schalenpunkte meist berostet, kelchseitig klein, stielseitig größer und auffallender. Je nach Verlauf der Jahreswitterung teils starke Berostungen auf der Frucht, von der Stielseite ausgehend auf einer Fruchtseite; Berostung teils fein, teils schuppig und rissig.

Stielgrube mittelweit, mitteltief, auch flacher. Seiten mittelsteil, mehr oder weniger stark berostet. Berostung teils fein, hellbraun, teils darüber schuppig, vereinzelt rissig, öfters weit auslaufend (meist auf einer Seite der Frucht). Stiel mittellang oder kurz, mitteldick, aus der Stielgrube ragend; am Grund vereinzelt etwas fleischig verdickt.

Kelchgrube flach bis sehr flach, weit. Seiten flach abfallend, meist ebenmäßig, teils mit leichten Berostungen. Kelchumgebung flach, meist ebenmäßig, teils auch etwas wulstig. Kelch mittelgroß oder groß, offen. Blättchen am Grunde breit (teils zusammenständig, teils abständig), ansonsten schmal, spitz, nach außen umgeschlagen oder abgebrochen.

Kelchhöhle klein, flach, trichterförmig; Staubfäden hochständig. Kernhaus mittelgroß, Achse geschlossen oder schmal geöffnet, Core-Line eng bis mittelweit ums Kernhaus verlaufend. Kernhauswände variabel bogen-, sichel- oder rucksackförmig, meist glänzend, auch mit einzelnen Rissen, die Risse teils verpilzt. Kerne mittelgroß, frisch dunkel rötlichbraun oder schwarzbraun, glänzend, unten kürzer oder länger gespitzt, ca. 8-9 mm : 4 mm.

Fruchtfleisch hell gelblich weiß, fest, mittelfeinzellig, mittel saftig, vorwiegend säuerlich, etwas aromatisch, nach Anschnitt nur gering bräunend.
Baum
Der Baum des Ravensberger ist starkwachsend und bildet große, pyramidale, ausladende Kronen mit einer im Außenbereich stark hängenden, feinen Verzweigung.

In der Jugend wächst der Baum kräftig, mit teils meterlangen, etwas zu wenig verzweigenden Jahrestrieben. Die Leit- bzw. Gerüstäste winkeln steil; sie sollten anfangs durch Spreizhölzer etwas flacher gestellt und für eine ausreichende Verzweigung bzw. einen guten Kronenaufbau in den ersten Jahren regelmäßig angeschnitten werden.

Die Sorte kommt mittelspät in den Ertrag, der Ertrag ist dann mittelhoch bis hoch, nur leicht alternierend zwischen guten und geringeren Erträgen.

Der Ravensberger ist sehr robust gegenüber Obstbaumkrebs, daher auch für schwere Böden geeignet, und auch robust gegenüber Schorf und Mehltau, daher breit anbaufähig auf nahezu allen Standorten.
An kühlen Standorten, Höhenlagen oder auch bei ungünstiger Frühjahrswitterung kann es zu stärkeren Berostungen der Früchte und in der Folge vermehrt zu Fruchtrissen kommen.

Austrieb und Blüte im Frühjahr zeitigen spät, etwa zeitgleich mit Roter Sternrenette und Rheinischem Winterrambur. Als diploide Sorte ist sie auch ein Befruchter für andere spätblühende Sorten. Das Laub ist mittelgroß, dunkel grün. Die Jahrestriebe des Ravensberger sind schlank, glänzend, dunkel rötlichbraun, fein punktiert.
Verwechsler
Angelner Borsdorfer, Zwiebelborsdorfer, Zwiebelapfel (Regionalsorte Münsterland), Kalkapfel (Regionalsorte Tecklenburger Land)
Anbaueignung
Alles in allem ist der Ravensberger ein robuster, breit anbaufähiger Tafel- und Wirtschaftsapfel für den extensiven Streuobstanbau, auch über seine Heimatregion hinaus. Nachteilig sind der wenig zu Verzweigung neigende Wuchs, der einen regelmäßigen Schnitt der Jungbäume erfordert, und die je nach Standort und Witterungsverlauf manchmal starke Berostungsneigung der Früchte, die zu Fruchtrissen führen kann.
Fruchtfotos
Ravensberger (Studiofoto)
Ravensberger (geschnittene Frucht)
Ravensberger (geschnittene Frucht)
Ravensberger (geschnittene Frucht)
Ravensberger
Ravensberger
Literatur
Lorgus (1910): Obst- u. Gemüseausstellung des Obst- und Gartenbauvereins Herford am 22.-24. Oktober 1910. In: Deutsche Obstbauzeitung 1910, S. 385 f.
Anordnung über Preise und Preisgruppeneinteilung für Kernobst, umfassend die Gartenbauwirtschaftsverbände Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Weser-Ems (1941)
Bannier, H.J. (2022): Alte Obstsorten - neu entdeckt für Westfalen und Lippe. Hrsg. Stiftung für die Natur Ravensberg. 4. Aufl. 2022, S. 38/39

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