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Paderborner Seidenhemdchen

Verfasst von Hans-Joachim Bannier am 8 Juli 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
Paderborner Seidenhemdchen
Gefährungsgrad
vom Aussterben bedroht
Regionalsorte
ja
Synonyme
Seidenhemdchen
Reifezeit
Geerntet werden die Früchte etwa Mitte Oktober. Ein gutes Naturlager vorausgesetzt, sind sie von November bis etwa Januar/Februar genussreif.
Herkunft
Das „Seidenhemdchen“ oder „Sydenhamchen“ ist eine im Raum Paderborn einst bekannte und verbreitete Apfelsorte. Über die genaue Herkunft der Sorte ist nichts Näheres bekannt. In einem Flugblatt des „Obst- u. Gemüsebauverbandes für Westfalen und Lippe“ (vermutlich von 1934) ist das „Sydenhamchen“ als Lokalsorte für Paderborn genannt. In einem Artikel der Bürener Zeitung (ohne Datum, aber vermutlich aus derselben Zeit) über „die empfehlenswerten Obstsorten für den Kreis Büren“ wird die Sorte als Lokalsorte für gute Sandböden genannt; in einer Sortenempfehlung ohne Datum, ebenfalls gefunden im Bürener Stadtarchiv, wird der „Apfel aus Sydenham“ als „auch für Gebirgslagen geeignet“ eingestuft. Dies schreibt auch Theodor Lenders, Obstbauinspektor für die Altkreise Paderborn und Büren, in seiner „Anleitung zum Obstbau“ (6. Ausgabe f. Westfalen, 1938).

Mit dem in der Literatur beschriebenen Weißen Seidenhemdchen bzw. dem Apfel aus Sydenham hat das hier beschriebene „Seidenhemdchen“ jedoch ebenso wenig zu tun wie mit anderen, ebenfalls „Seidenhemdchen“ bezeichneten Sorten (wie z.B. das Rheinische Rote Seidenhemdchen, das Ägidienberger Seidenhemdchen bei Bonn oder das Altmärkische Seidenhemdchen). Daher sollte es zur Unterscheidung als Paderborner Seidenhemdchen bezeichnet werden.

Zwar gibt es bei Sickler (Bd. 18, Tafel 7) eine Abbildung und Kurzbeschreibung eines 'Roten Seidenhemdchens', die auf die hier beschriebene Sorte - auch bezügliche der Reifezeit - zutreffen könnte (siehe Abbildung unten). Dagegen spricht allerdings, dass die hier beschriebene Sorte bisher ausschließlich im Raum Paderborn (und nirgendwo anders in Deutschland) gefunden wurde.
Verbreitung
Noch in den 1990er Jahren war vielen Marktfrauen des Paderborner Wochenmarkts der Name „Seidenhemdchen“ wohl bekannt. Gleichwohl ist die Sorte aus dem Anbau schon lange verschwunden. Alte Bäume der Sorte finden sich jedoch vereinzelt im Kreis Paderborn sowie in den Kreisen Lippe, Höxter und Warburg. Bis in die 1960er Jahre gab es vereinzelt auch noch Viertelstammplantagen mit dem Seidenhemdchen – wie etwa am Kloster in Blomberg/Lippe.

In Baumschulen ist die Sorte heute allenfalls regional noch zu finden (z.B. bei der Baumschule Helfgerdt in Delbrück). In den Reisermuttergärten ist das Paderborner Seidenhemdchen nicht gelistet. Reiser sind noch im Obst-Arboretum Bielefeld oder im Freilichtmuseum Detmold erhältlich.
Frucht
Die Frucht ist klein bis mittelgroß, in der Form flachrundlich, im Querschnitt rund. Sehr fest, nicht druckempfindlich. Die Schale ist glatt, mattglänzend oder matt, mitteldick, mürbe, beim Verzehr nicht störend, und bleibt auch nach längerer Lagerung trocken (d.h. wird nicht wachsig oder fettig).

Grundfarbe weißlich grün, in der Reife weißlich gelb. Deckfarbe kräftig dunkelrot bis purpurrot, gehaucht, flächig, seltener verwaschen streifig, auf 2/3 bis fast der ganzen Frucht. Schalenpunkte mittelgroß, berostet, auf Deckfarbe auch klein, hell, teils auffallend.

Stielgrube mittelweit, mitteltief (manchmal auch flacher), teils unberostet (dann z.T. im Innern grün bleibend oder auch bis in die Stielgrube hinein deckfarbig), teils auch fein strahlig berostet. Stiel kurz bis mittellang, mitteldick, teils noch grün, nicht oder gering aus der Stielgrube ragend.

Kelchgrube mittelweit, mitteltief, variabel auch weit, tief oder flach, schüsselförmig. Seiten mittelsteil oder flacher, variabel Kantig oder ebenmäßig, teils etwas berostet. Kelchumgebung meist flach, eben, manchmal auch mit wulstigen Kanten. Kelch groß oder mittelgroß, meist offen (seltener halboffen). Blättchen im Ansatz öfters getrennt stehend, die Enden hochstehend, umgeschlagen oder abgebrochen.

Kelchhöhle klein, trichterförmig, teils mit kurzer schmaler Röhre, Kernhaus klein bis mittelgroß, Achse geschlossen, Core-Line mittelweit ums Kernhaus. Kernhauswände variabel ohren- oder bogenförmig, glänzend, nicht gerissen. Kerne dunkel- bis schwarzbraun, klein bis mittelgroß, oval, kurz, relativ breit, stumpf gespitzt, ca. 7.8 : 5 mm.

Fruchtfleisch gelblich weiß, fast weiß, sehr fest, mittelfein bis etwas grobzellig, markig, süßsäuerlich, leicht aromatisch, angenehm.

Baum
Der Baum des Paderborner Seidenhemdchens wächst in der Jugend stark, mit schräg winkelnden Leitästen, Die Sorte bildet große, hochkugelige oder pyramidale Kronen.

Die Sorte ist robust gegenüber Obstbaumkrebs, Mehltau sowie Blatt- und Fruchtschorf. Daher ist sie bezüglich Standort und Boden breit anbaufähig, nach den historischen Aussagen auch noch in Höhenlagen.

Die Bäume kommen in der Jugend mittelfrüh in den Ertrag und tragen dann reich, wenn auch alternierend. Die Blüte im Frühjahr zeitigt mittelfrüh, das Laub ist dunkelgrün und (im Vergleich zu anderen Sorten) eher klein. Als Pollenspender soll die Sorte – nach historischen Aussagen – nicht gut geeignet sein.
Verwechsler
Früchte des Paderborner Seidenhemdchens könnten u.U. verwechselt werden mit Roter Berlepsch, Baumanns Renette, Purpurroter Zwiebelapfel oder Porzenapfel.
Anbaueignung
Das Paderborner Seidenhemdchen ist in der Region als robuste, wenig krankheitsanfällige und breit anbaubare Streuobstsorten bekannt. Die stark wachsenden Bäume kommen relativ spät in den Ertrag und trägt dann einigermaßen regelmäßig. Die prächtig gefärbten und mindestens bis Weihnachten lagerbaren Früchte sind attraktiv, allerdings neigt die Sorte zu Kleinfrüchtigkeit, daher sollte der Baum in regelmäßigen Intervallen geschnitten werden.
Fruchtfotos
Paderborner Seidenhemdchen (Studiofoto)
Paderborner Seidenhemdchen (Studiofoto)
Paderborner Seidenhemdchen (geschnittene Frucht)
Paderborner Seidenhemdchen (geschnittene Frucht)
Paderborner Seidenhemdchen (geschnittene Frucht)
Paderborner Seidenhemdchen
Paderborner Seidenhemdchen
Das rothe Seidenhemdchen (Sickler, Bd. 18,, Tafel 7
Baum im Laub
Paderborner Seidenhemdchen
Literatur
Lenders, Theodor (1938): Anleitung zum Obstbau (6. Ausgabe f. Westfalen, 1938)
Bannier, H.J. (2022): Alte Obstsorten - neu entdeckt für Westfalen und Lippe. Hrsg. Stiftung für die Natur Ravensberg (Kirchlengern). 4. Aufl. 2022, S. 42
Sickler, J.V. (1794-1804): Der Teutsche Obstgärtner. 22 Bände. Weimar: Vlg. des Industrie-Comptoirs. (Identität des dortigen 'Roten Seidenhemdchen' mit dem Paderborner Seidenhemdchen fraglich)

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